Naturgemäße Waldwirtschaft

- Ziele, Grundsätze, Erfahrungen -

Auf der Bundesdelegiertentagung 1993 beschlossen

 

    1. Ziele

    Die Grundidee naturgemäßer Waldwirtschaft liegt in der ganzheitlichen Betrachtung des Waldes als dauerhaftes, vielgestaltiges, dynamisches Ökosystem.

    Die naturgemäße Waldwirtschaft strebt an, durch weitgehende Nutzung der in Waldökosystemen ablaufenden Prozesse und der in ihnen wirksamen Kräfte die ökonomischen und ökologischen Erfordernisse bei der Waldbewirtschaftung zu optimieren. Dabei kann jeder Forstbetrieb die vom jeweiligen Wald zu erbringenden Funktionen – je nach Lage, Größe, Standort und Besitzart – spezifisch wichten.



    Die verschiedenen, für die Stetigkeit des Waldökosystems erforderlichen Entwicklungsstadien sind nicht schlagweise voneinander getrennt, sondern in der selben Wirtschaftseinheit zeitlich und räumlich neben- und/oder übereinander angeordnet, so dass sie selbständige Nachhaltseinheiten bilden. Die Auswertung jahrzehntelanger, praktischer Erfahrungen naturgemäß wirtschaftender Betrebe und wissenschaftlicher Publikationen führt zu folgenden zentralen Grundsätzen naturgemäßer Waldwirtschaft.

    2. Waldbauliche Grundsätze

    Dem Schutz und der Erhaltung der Produktionskraft der Waldböden kommt besondere Bedeutung zu. Naturgemäße Waldwirtschaft unterlässt demzufolge grundsätzlich Kahlschlag, sie vermeidet Ganzbaumnutzung sowie unpflegliche Rücke-, Bodenbearbeitungs- und Meliorationsverfahren. Durch stammweise Nutzung reduziert sie die Störung der Stoffkreisläufe auf das nutzungsbedingte Minimum und erhält das systemzugehörige Waldinnenklima.

    Standortgemäße Baumartenwahl ist die Grundlage zur Sicherung der Standortskräfte und risikoarmer Produktion. Dabei sollen Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft in möglichst lokal angepassten Herkünften mit hohen Anteilen beteiligt sein. Die Beteiligung nicht heimischer und nicht der natürlichen Waldgesellschaft angehörender Baumarten ist hierbei nicht ausgeschlossen.

    Auf den meisten mitteleuropäischen Standorten sind standortsgemäße Baumartenmischungen, oft sogar mehrere, denkbar. Solche Mischungen ergeben produktive, strukturreiche Bestockungen, die sich im Normalfall aus Naturverjüngung erneuern lassen.

    Die konsequente Anwendung einzelstammweiser Pflege und Nutzung (Plenterprinzip) im Sinne einer permanenten Auslese und Vorratspflege führt zum Dauerwald. Je nach Standortskraft und Lichtökologie der Baumarten entstehen allmählich gemischte, stufige, ungleichaltrige und strukturreiche Dauerbestockungen. Nutzung, Pflege und Walderneuerung finden auf gleicher Fläche zur gleichen Zeit statt. Eingriffe erfolgen in relativ kurzen Intervallen mit mäßiger Stärke und orientieren sich am qualitativen und funktionellen Wert eines jeden Baumes.

    Der qualitative Wert des Einzelbaumes wird bestimmt durch den Kulminationspunkt seines wirtschaftlichen Wertes; er ist abhängig von der Qualität des produzierten Holzes, die sich in Schaftform, Dimension und Gesundheitszustand des Baumes widerspiegelt.

    Der funktionelle Wert des Einzelbaumes wird bestimmt durch seine Aufgaben als Mischungs- und Strukturelement sowie durch seinen ökologischen Wert.

    Da bei jedem einzelnen Baum die Summe seines qualitativen und funktionellen Wertes zu unterschiedlichen Zeitpunkten kulminiert, erfolgt auch die Nutzung nicht gleichzeitig.

      3. Erfahrungen

    Aus Forstbetrieben, die langjährig nach diesen Grundsätzen wirtschaften, können folgende Erfahrungen abgeleitet werden:

    Waldbau/Ertragskunde

    - verringertes Risiko gegen biotische und abiotische Schäden
    - höhere Starkholzanteile bei Vorrat, Zuwachs und Nutzung
    - höhere Anteile von Naturverjüngung an der Walderneuerung
    - verbesserter Schutz des Nachwuchses vor Frost, Hitze, Sonne, Wind und Konkurrenzvegetation
    - qualitätsfördernde Erziehung des Nachwuchses unter Schirm bei geringer Stammzahl

    Betriebswirtschaft

    - verringertes Betriebsrisiko und verbesserte Vorrats- und Nutzungsstruktur führen langfristig zu erhöhten Erträgen
    - Minderung des Aufwandes ergibt sich bei der Holzernte ( geringe Schwachholz-, erhöhte Starkholzproduktion ), der Walderneuerung ( Naturverjüngung ) sowie bei Schutz und Pflege des nachwachsenden Waldes.

    Forsteinrichtung

    Naturgemäße Waldwirtschaft erfordert Planung und Kontrolle nach Masse, Wert, Struktur und Nähe des Waldes zur natürlichen Waldgesellschaft im Sinne einer ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit. Ideal eignet sich hierfür die permanente Kontrollstichprobe. Die herkömmlichen Forsteinrichtungsverfahren sind für einen längerfristig naturgemäß bewirtschafteten Forstbetrieb nur noch bedingt anwendbar.

    Schutz- und Erholungswirkungen

    Die geschilderten waldbaulichen Mittel ermöglichen eine große Vielfalt in der Gestaltung von Wäldern auch bezüglich ihrer Schutz- und Erholungsfunktionen. Auf die hierzu verabschiedeten Stellungnahmen der ANW wird verwiesen ( "Der Dauerwald" Nr. 5 Seite 54 ff ).

    Jagd

    Naturgemäße Waldwirtschaft erfordert zwingend waldverträgliche Schalenwilddichten, bei denen die Verjüngung aller Baumarten auf der Gesamtfläche des Waldes jederzeit ohne Zaunschutz möglich ist. Auch hier wird auf die Grundsatzerklärung der ANW zur Schalenwildfrage verwiesen ( "Der Dauerwald" Nr. 3 Seite 48-49 ).